Interpretationshilfe von Effektmaßen

Cohens d ist ein statistisches Maß, das genutzt wird, um die Effektgröße, also die Stärke eines Unterschieds zwischen den Mittelwerten zweier (un-)abhängiger Gruppen oder eines Mittelwerts und eines theoretisch erwarteten Werts, zu quantifizieren. Für ebensolche Effektmaße haben Cohen und im Verlauf der letzten Jahrzente viele weitere Autoren mögliche Vorgaben definiert, wie Effektmaße im Sinne der Größe und Stärke des Effekts interpretiert werden können.

Kritische Betrachtung (ein Vorwort)

Die Interpretation von Effektgrößen stellt Forschende vor eine zentrale Herausforderung: Wann ist ein statistischer Effekt tatsächlich bedeutsam? Standardisierte Interpretationshilfen bieten hier wichtige Orientierung, müssen aber differenziert betrachtet werden. Im Folgenden analysieren wir die Stärken und Schwächen dieser Richtlinien und geben konkrete Empfehlungen für ihre Anwendung in der Forschungspraxis.

Stärken

Sie funktionieren wie eine Art „Kompass“ für Forschende. Besonders für Anfänger:innen oder wenn man sich in einem neuen Forschungsgebiet orientiert, geben sie einen ersten Anhaltspunkt, wie man Ergebnisse einordnen kann.

Wenn verschiedene Studien die gleichen Interpretationsrichtlinien verwenden, kann man ihre Ergebnisse leichter vergleichen. Dies ist besonders wichtig für Meta-Analysen und systematische Reviews.

Sie bieten eine gemeinsame „Sprache“ für Wissenschaftler:innen. Wenn jemand von einem „großen Effekt nach Cohen“ spricht, wissen andere sofort, was gemeint ist.

Schwächen

  • Ein Beispiel: In der medizinischen Forschung könnte eine Korrelation von r = 0.2 zwischen einem Medikament und der Heilung einer schweren Krankheit als sehr bedeutsam gelten
  • In der pädagogischen Forschung könnte die gleiche Korrelation zwischen einer Lehrmethode und dem Lernerfolg als eher schwach angesehen werden
  • Die Interpretation hängt also stark vom Forschungskontext ab
  • Die starren Grenzen (z.B. r < 0.3 = „klein“, r > 0.5 = „groß“) suggerieren künstliche Trennlinien
  • In der Realität gibt es fließende Übergänge
  • Cohen selbst warnte später davor, seine Richtlinien zu dogmatisch anzuwenden
Besonders interessant ist die Beobachtung von Funder und Ozer (2019):

Sehr große Effekte in der psychologischen Forschung sind oft verdächtig. Sie lassen sich in größeren Stichproben oder Replikationsstudien häufig nicht bestätigen. Kleinere, aber stabile Effekte können wissenschaftlich bedeutsamer sein als spektakuläre große Effekte

Praktische Implikation

  • Berücksichtigung des Forschungsfelds
  • Einbeziehung der spezifischen Untersuchungsbedingungen
  • Beachtung der praktischen Relevanz
  • Statt blindem Vertrauen auf Faustregeln
  • Vergleich mit ähnlichen Studien im gleichen Bereich
  • Einordnung in den Forschungsstand
  • Verbindung mit theoretischen Vorhersagen
  • Berücksichtigung praktischer Konsequenzen
  • Einbettung in größere Forschungszusammenhänge
  • Offenlegung der verwendeten Interpretationskriterien (z.B. Cohen, 1988)
  • Begründung der gewählten Schwellenwerte
  • Diskussion der Einschränkungen

Korrelation

Tabelle 1

Interpretationsrichtlinien für Korrelationskoeffizienten im Vergleich

Wert Funder & Ozer
(2019)
allgemein
Gignac & Szodorai
(2016)
Individualdifferenzen
Cohen
(1988)
allgemein
Evans
(1996)
allgemein
Lovakov & Agadullina
(2021)
Sozialpsychologie
Hattie
(2009)
Bildungsforschung
0.05TinyVery smallVery smallVery weakVery smallDevelopmental effects
0.15SmallSmallSmallVery weakSmallTeacher effects
0.25MediumModerateSmallWeakModerateZone of desired effects
0.35LargeLargeModerateWeakModerate
0.45Very largeLargeModerateModerateLarge
0.70Very largeLargeLargeStrongLarge

Anmerkung. Die Tabelle zeigt verschiedene Interpretationsrichtlinien für Korrelationskoeffizienten im Vergleich. Angaben unter den Autor:innen kennzeichnen die jeweilige Forschungsdisziplin bzw. den Geltungsbereich der Richtlinie. Während die meisten Autor:innen allgemeine Richtlinien vorschlagen, beziehen sich Hatties und Lovakov & Agadullinas Interpretationen spezifisch auf den Bildungs- bzw. sozialpsychologischen Kontext.

Cohen (1988)
allgemein
Evans (1996)
allgemein
Funder & Ozer (2019)
allgemein
Hemphill (2003)
allgemein, meta-analytisch
Gignac & Szodorai (2016)
Individualdifferenzen
Lovakov & Agadullina (2021)
Sozialpsychologie
Hattie (2009)*
Bildungsforschung

*Hatties Originalgrenzen (d = 0.15 / 0.40) wurden über r = d / √(d²+4) in r ≈ 0.075 / 0.196 umgerechnet. Die Umrechnung gilt exakt nur für balancierte Zweigruppenvergleiche und ist als Näherung zu verstehen.

Literatur

  1. Cohen, J. (1988). Statistical Power Analysis for the Behavioral Sciences (2nd ed.). Hillsdale, NJ: Lawrence Erlbaum Associates, Publishers.
  2. Evans, James D. 1996. Straightforward Statistics for the Behavioral Sciences. Thomson Brooks/Cole Publishing Co.
  3. Funder, David C, and Daniel J Ozer. 2019. “Evaluating Effect Size in Psychological Research: Sense and Nonsense.” Advances in Methods and Practices in Psychological Science, 2515245919847202.
  4. Gignac, Gilles E, and Eva T Szodorai. 2016. “Effect Size Guidelines for Individual Differences Researchers.” Personality and Individual Differences 102: 74–78.
  5. Hattie, J. (2009). Visible Learning. London: Routledge.
  6. Hemphill, J. F. (2003). Interpreting the magnitudes of correlation coefficients. American Psychologist, 58(1), 78–80. https://doi.org/10.1037/0003-066X.58.1.78
  7. Lovakov, Andrey, and Elena R Agadullina. 2021. “Empirically Derived Guidelines for Effect Size Interpretation in Social Psychology.” European Journal of Social Psychology.